Gute Zeiten – Schlechte Zeiten
oder
Hilfe, wir sind süchtig!

Es begann mit dem Urlaub einer nahen Anverwandten der nachfolgenden Generation, also einer unerzogenen Göre genau in dem Alter, das für Frauen das schwierigste ist, nämlich irgendwo zwischen 5 und 75 Jahren. Die oben erwähnte Hoffnungsträgerin künftiger Generationen befand sich exakt im 19. Lebensjahr. Jeder Mann, der schon einmal eine Frau gesehen hat, insbesondere aber Väter, die das Gebaren einer Tochter in dieser Phase überlebt haben, werden mir bestätigen, dass in den Köpfen dieser Personen Gedanken herumgeistern, die nicht nur haarsträubend abenteuerlich sind, sondern sich auch gegenseitig ausschließen. So besteht für sie überhaupt kein Interessenkonflikt darin, dem weise lächelnden Ernährer mitzuteilen, dass sie nun doch die erste Präsidentin der örtlichen Industrie- und Handelskammer werden wollen, um gleichzeitig mit verklärtem Blick den rosaroten Plastikkoffer mit den Barbiepuppen neu einzuräumen, in dem sich aber auch die letzte Ausgabe von Eltern findet. Heiraten wollen sie niemals. Und wenn doch, dann möglichst bald. Kinder sind wegen der zeitraubenden Karriere als Lead-Sängerin einer Pop-Gruppe nicht möglich. Oder höchstens zwei. Möglichst Zwillinge, weil die so süß sind, und eine einmalige Schwangerschaft die Figur nicht so beschädigt. 

Aber in der Hauptsache wollen sie dem traumhaften Aufstieg des Traummannes nicht im Wege stehen, und diese, nämlich die Wege, sorgsam ebnen, was sich darin äußert, dass sie ihn, den Traummann, täglich in eine andere Disko schleifen, um das neue Cabrio augenfällig davor parken zu können. Aber neben zwei Südseereisen pro Jahr und diversen Designer-Klamotten wird eisern gespart, denn als Kinderkrankenschwester verdient man ja nicht soviel, und kann sonst nicht mit 25 in das eigene Traumhaus mit 3 Garagen und Partykeller einziehen. Der Freund, ein in seinem Beruf glücklicher Automechaniker muss nur noch ein paar Tage zur Abendschule, denn das macht sich gut, wenn er erst Kandidat für den Bürgermeisterposten ist. Und die Nase muss er sich noch richten lassen, weil ein Frauenarzt einfach gut aussehen muss.

"Aber eigentlich möchte ich viel lieber bei Euch bleiben!"

Und nun wollte eines dieser reizenden und liebenswerten Geschöpfe mit dem Freund zum ersten mal in Urlaub fahren, und das warf Probleme auf. Oder zumindest ein Problem, dafür aber von weitreichender Tragweite. Genauste Recherchen hatten ergeben, dass am Urlaubsort nicht alle deutschen TV-Sender empfangen werden konnten. Oder nur schlecht. Also auch nicht der Sender, der werktäglich von 19:40 bis 20:15 Uhr eine als Familienserie oder auch Soap bezeichnete Sendung namens "Gute Zeiten – Schlechte Zeiten" ausstrahlt. Allein das Verpassen einer einzigen Sendung käme einer mittelschweren Katastrophe gleich, weil danach jeder Zusammenhang und damit auch das Verständnis um die tiefschürfenden Hintergründe verloren gingen. Ich möge also bitte während der Abwesenheit fragliche Sendung täglich auf Videoband aufzeichnen und sorgsam verwahren. Da ich endlich vor meiner Frau die Investition in den teuren Videorecorder rechtfertigen konnte  ("Stell dir vor, ich hätte ihn nicht gekauft. Wie stünden wir jetzt da?"), – sagte ich gerne zu. Um die erforderliche Zahl von Videokassetten zu kalkulieren hatte ich schnell ausgerechnet, dass es um eine Gesamtzeit von siebeneinhalb Stunden ging.

Wenn ein Mensch freiwillig siebeneinhalb Stunden hintereinander  Fernsehen schaut, dann nur, wenn es sich um literarisch anspruchsvolle Themen handelt, die außerdem ausschließlich von Oscar-Preisträgern meisterhaft dargestellt werden. Ich war erstaunt, dass  mir dieser geistige Genuss bisher völlig unbekannt geblieben war und entschied spontan, dies ab sofort zu ändern.

Am ersten Urlaubstag der oben beschriebenen jungen Dame saß ich also mit deren 14-jähriger Schwester und meiner Frau entspannt und locker vor dem Gerät, nach dem in deutschen Haushalten meistens die Sessel ausgerichtet sind und harrte gespannt der Dinge, die da kommen sollten.

Mit dem Beginn der Titelmelodie ging ein unerklärlicher Ruck durch den Rest meiner Familie. Die plötzlich leuchtend gewordenen Augen waren starr auf den Mittelpunkt des Fernsehers gerichtet und es schien sie eine Art Aura zu umgeben, die schon schmerzhaft spürbar war. Ein wohliger Schauer durchzuckte auch mich in freudiger Erwartung. Nach dem Vorspann kam erst einmal eine längere Werbepause. Nun gut, die privaten Sender müssen auch von irgend etwas leben, und es ist ja auch ganz praktisch, so zwischendurch die Toilette aufzusuchen, auf dem Balkon zu rauchen, die Kinder ins Bett zu schicken oder einfach einzuschlafen. Aber doch nicht, bevor der Film überhaupt angefangen hat. Dann war es aber endlich so weit.

Schnell hatte ich begriffen, dass  ich mich in der Situation eines Partygastes befand, der zu spät gekommen ist. Alle anderen sind schon betrunken und lachen über schwachsinnige Witze. Du bist der einzige Nüchterne und hast die Wahl, entweder den gleichen Alkoholkonsum in kürzester Zeit nachzuholen, oder dich zu wundern, dass  du diese Leute überhaupt kennst. Aber um zu wissen wie eine Party funktioniert, reicht ein einmaliges Besäufnis und es entsteht nicht der Drang, täglich zur Flasche greifen zu müssen. Als Quereinsteiger bei GZSZ war mir aber bald klar, dass  es täglicher Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum bedarf. Sonst bleibt einem das unerklärliche Mysterium für immer verschlossen. Also bat ich meine mich liebenden Angehörigen um Hilfe in der bei solchen Serien leidlich bekannten Form:

"Wessen Freundin ist das?" – "Ist der auch schwul?" – "Spielen da auch  Erwachsene mit?" – "Haben die was miteinander?" usw.

Und jetzt zeigte sich der Unterschied. Wird z.B. ein fesselnder Krimi der Spitzenklasse angeschaut und man wagt, mit der blöden Frage, wer denn der Mörder sei, zumindest akustisch zu stören, so fängt man sich mit Sicherheit einen strengen Verweis wie:

"Halt die Klappe!" – "Stör nicht!" – "Pass selber auf, du Trottel!"

– oder ähnliches ein. Nicht so bei GZSZ. Die Fangemeinde taucht in eine fremdartige imaginäre Welt ein, und lässt sich nicht einmal durch laut mit der Stereoanlage abgespielte Klavierkonzerte irritieren. Sie hört es einfach nicht. Das merkwürdige ist, dass nach Beendigung der Schlussmusik alle Betroffenen sofort wieder normalen und logischen Argumenten zugänglich sind. Ja, sie wundern sich selber über ihr Verhalten und finden es abscheulich.  Bis morgen 19:40 Uhr.

Nun ging es nicht mehr nur darum, als Hüter des Videorecorders die korrekte Aufnahme jeder einzelnen Folge zu beaufsichtigen. Auch nicht darum, einen Wissensstand zu erlangen, der ein fragloses Zuschauen dahingehend ermöglichte, dass ich wusste, um was ging.  Denn ehrlich gesagt fand ich meine Jungfernfolge ziemlich schwach. Den Titel der Serie glaubte ich nun auch zu verstehen, denn wenn um 19:40 Uhr für die Fangemeinde "Gute Zeiten" beginnen, sind dies für alle anderen Fernsehwilligen, deren Flimmerkiste aber blockiert ist  "Schlechte Zeiten".

Nein, es war eine Untersuchung auf streng wissenschaftlicher Basis vonnöten. Es musste zutage gebracht werden, wieso eine sogenannte Familienserie, die völlig ohne gelernte Schauspieler und wahrscheinlich auch ohne Regisseur, ohne jede nachvollziehbare Handlung und miserablen Dialogen auskommt, die Massen in diesem unserem Lande in den Bann zieht. Zumindest meine Familie.

Aber man soll nicht über etwas urteilen, was man nicht kennt. Oder noch nicht richtig. Die kommenden Wochen würden mich klüger machen.  Am dritten Tag wusste ich schon, mit wem Daniel verheiratet ist, wen Dr. Gerner, die deutsche Antwort auf J.R. Ewing aus Dallas gerade aufs Kreuz legt, und warum Flo sich nicht mit "Hoheit" anreden lässt . Aber das Mysterium hatte sich mir noch nicht offenbart, und deshalb verwickelte ich Frau und Kind – natürlich nach der Sendung – in mir logisch erscheinende Diskussionen.

Meine Familie bedachte mich mit Blicken, die nur eines ausdrückten: Abgrundtiefe Verachtung. Selbst meine Bemerkung, dass die Werbepausen dramaturgisch besser gestaltet seien als die eigentliche Sendung, ließ ihre Lippen nur zu einem wissenden Lächeln verziehen. Es stand fest: ich war nicht einer von ihnen. Ein Außenseiter. Allenfalls ein Quereinsteiger. Allein meine bloße Anwesenheit während der Sendungen schien ihnen unangenehm, als wäre ich ein spionierender Zaungast bei verbotenen, und deshalb heimlich durchgeführten Voodoo-Ritualen.

Ich versuchte vergeblich, die für diese Art Darbietungen übliche Bezeichnung "Soap" (auf deutsch: "Seife") dahingehend zu erklären, dass  es sich wie bei einem Stück Seife um etwas zwar meistens wohlriechendes, ansonsten aber ungemein glitschiges handele, auf dem man in der Badewanne ausrutschen und sich den Hals brechen würde. Ob ich schon einmal ein Stück Seife gesehen hätte, mit dem man sich über 10 Jahre lang täglich die Hände waschen könne ohne es abzunutzen, war die einhellige Gegenmeinung.

Am fünften Tag meines Einstiegs, einem Freitag, wurden wir alle ins verdiente Wochenende entlassen. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als auf der Kippe stand, wer das Sorgerecht für Antonia, die inzwischen 15 Monate alte Frucht eines inzwischen beendeten Bratkartoffelverhältnisses bekommt.

Der Vater mit der Sumoringer-Frisur, oder seine ehemalige Freundin, die jetzt den Koch mit den fettigen Haaren als ständigen Begleiter auserkoren hatte. Auch die Tatsache, dass  ich jetzt zwei Tage lang wieder meine geliebte Tagesschau ansehen durfte, was ansonsten aus Termingründen nicht möglich ist, konnte nicht darüber hinweg trösten, dass  das Wochenende mehr oder weniger im Eimer war.

Die quälende Frage beschäftigte mich bis zum Samstag Abend, als in einer der vielen Talk-Shows eine ehemalige Mitspielerin der Serie auftauchte und erklärte, die Darsteller würden in einer Art großem Barbie-Puppenhaus mehr oder weniger gefangen gehalten. Sie selber hätte sich in einer schweren Identifikationskrise befunden, weil sie bei ihren von der Redaktion genehmigten Freigängen außerhalb des Studiogeländes von Passanten angesprochen und beschimpft wurde. Sie hätte das Pech gehabt, eine miese Schlampe spielen zu müssen, die den anderen das Leben schwer machte. Manchmal wäre sie sogar bespuckt worden.

Der Bitte, man möge ihre Rolle doch ändern, wurde gerne entsprochen. Das Drehbuch wurde dahingehend umgeschrieben, dass sie sich zu einer Reise in die Tiefen des afrikanischen Busches zu entschließen hatte, wo sie für die nächsten 100 Jahre verschollen blieb. Danach wollte man weitersehen, aber vorerst war sie gefeuert. Jahre hätte sie gebraucht, um wieder ein normales Leben führen zu können, und würde auch heute noch zittern, wenn sie mit ihrem richtigen Namen unterschreiben müsse.

Die mich umgebende Fangemeinde, nämlich Frau und Tochter wussten daraufhin nur zu berichten, dass es der ganz normalen Regel des Lebens entspräche, wenn ausgemerzt würde, was sich gegen den Lauf der Weltgeschichte stellt. Fressen und gefressen werden. Trotz der Ernüchterung blieb die bohrende Frage:

Wer bekommt das Kind?

Als ein im Außendienst tätiger Berater war es eigentlich meine Aufgabe, mit Kunden über die Produkte meiner Firma zu verhandeln. Stattdessen ertappte ich mich am folgenden Montag immer wieder dabei, dass  ich die Sekretärinnen meiner Gesprächspartner in heiße Diskussionen verwickelte. Die rechtliche Situation wurde von allen Seiten beleuchtet. Auch der gesellschaftspolitische Aspekt wurde nicht ausgelassen und stattdessen beratschlagt, wie sich Cora, die Mutter des streitgegenständlichen Kindes gegen die Winkelzüge des korrupten Dr. Gerner wappnen könne.

Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass  alle angesprochenen Damen voll informiert waren, sich aber sehr wohl des öfteren scheu nach heimlichen Lauschern umdrehten. So, als wäre es etwas Unanständiges. Wie ein Alkoholiker, der eine Flasche in der Bananenschale versteckt, um heimlich und unbemerkt daran nuckeln zu können.

Lebte ich unter Süchtigen? War ich selber schon süchtig? Könnte es sein, dass  mittels banaler Dialoge unterschwellige Botschaften in unser Unterbewusstsein transportiert wurden, die einen Umsturz der Weltordnung zum Ziel hatten? Waren wir vielleicht sogar eine Art Versuchskaninchen, mit denen außerirdische Intelligenzen ihre Experimente machten, um unsere Schmerzgrenze auszuloten? Sollten sich nicht endlich Drogenberater darum kümmern? Oder doch zumindest die Bundesregierung und der Verfassungsschutz?

Aber alle diese Fragen wurden überschattet von der einzig wichtigen:

Wer bekommt das Kind!

Noch bin ich nicht sicher, welchen Interessenverband es zu gründen gilt: Einen Fanclub oder eine Schutzgemeinschaft.

Gerne bin ich bereit, mit allen geneigten Lesern diese Frage zu diskutieren und bin offen für Vorschläge. Schreiben Sie mir oder rufen Sie mich an. Aber bitte nicht Montags bis Freitags zwischen 19:40 und 20:15 Uhr.

© Erwin Grab